23. April 2025 – Der Tag, an dem man uns sagte, Oliver werde das Krankenhaus nicht lebend verlassen
- Stefan

- 21. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
(Mittwochmorgen, 6 Tage nach dem Unfall)
In den letzten Tagen habt ihr auf unseren Videos in Instagram und im Fernsehen bei RTL einen der schwersten Momente unserer Reise gesehen. Den Moment, als mehrere Neurologen unser Zimmer betraten und uns sagten, dass unser Sohn Oliver das Krankenhaus nicht lebend verlassen werde.
Heute möchten wir euch die Geschichte dahinter in kurzer Form erzählen.
Am Mittwochmorgen, dem 23. April 2025, wurde Laura früh zur Tomographie abgeholt.
Drei Tage zuvor hatte sie selbst eine neun Stunden Operation überstanden. Während sie untersucht wurde, lief ich durch die Krankenhausgänge, telefonierte mit Ärzten und suchte weiter nach Antworten. Die Nacht zuvor hatte ich fast komplett recherchierend verbracht. Kaum Fälle. Kaum Hoffnung. Und trotzdem war da noch dieser kleine Funken in mir.

Als ich später zu Oliver auf die Intensivstation ging, bekam ich zum ersten Mal seit Tagen vorsichtig positive Nachrichten. Die Nacht sei stabil gewesen. Seine Werte seien im normalen Bereich. Die Ärzte überlegten sogar, in den kommenden Tagen die Sedierung zu reduzieren. Oliver wurde nach seiner schweren Operation weiterhin im künstlichen Koma gehalten, um seinen Körper und vor allem seinen Kopf maximal zu schützen. Zudem sei die Halskrause angekommen um seinen Kopf endlich fixieren zu können.
Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als würde sich eine Tür öffnen.

Ich saß bei Oliver, las ihm vor und sang unsere Lieder. Seine Pupillen bewegten sich, wenn ich mit ihm sprach, seine Augen waren auch leicht geöffnet. In diesen Momenten war ich überzeugt: Er hört mir zu. Er ist da.
Kurz darauf wurde ich zu Laura gerufen. Wir warteten auf den Neurologen, den ich selbst am Vortag kontaktiert hatte. An den Kontakt zu diesem Neurologen zu kommen, war selbst schon ein kleines Wunder. Ich wollte unbedingt eine zweite Meinung zu Olivers Querschnittverletzung, die uns erst am 21. April mitgeteilt worden war.
Trotz allem klammerte ich mich an die Hoffnung, dass es irgendwo noch Möglichkeiten geben könnte. In meinem Kopf war immer wieder ein Ziel: die USA, insbesondere Johns Hopkins in Baltimore hatte ich im Kopf als Klinik die auf Rückenmarksverletzungen spezialisiert ist. Ich hatte diese leise, aber hartnäckige Hoffnung, dass es vielleicht doch einen Weg geben könnte, Oliver zu helfen und ihm ein besseres Leben zu ermöglichen.
Es handelte sich um Dr. Luis Herrera (Name geändert), einen pensionierten Neurologen, der viele Jahre Leiter der Neurologie in einem der renommiertesten Krankenhäuser Mexikos gewesen war. Auf seinem Fachgebiet galt er als absolute Koryphäe. Genau deshalb setzte ich so große Hoffnung in dieses Gespräch.
Ich schilderte ihm unseren gesamten Fall und bat ihn eindringlich, sich Olivers Befunde persönlich anzuschauen. Dr. Luis reagierte ruhig, sehr zugewandt und versprach mir, dass er zusätzlich mit dem operierenden Arzt sprechen werde.
Dieser war Dr. Alejandro Morales (Name geändert), der Oliver unmittelbar nach dem Unfall operiert hatte.
Mit diesem Wissen im Rücken war ich überzeugt, dass wir jetzt gemeinsam nach vorne schauen würden.
Der pensionierte Neurologe setzte sich ruhig neben Lauras Bett. Seine Stimme war ruhig, fast sanft. Zuerst erklärte er medizinisch, was passiert war: die schwere Rückenmarksverletzung, die fehlende Atmung und die lange Zeit ohne Sauerstoff nach dem Unfall.
Und dann fiel der Satz, der unser Leben in zwei Teile schnitt.
Oliver habe keinen Ausweg.
Er könne nicht überleben.
Man könne ihn noch eine Zeit lang am Leben halten, erklärte er. Aber maximal ohne Bewusstsein, ohne Bewegung und ohne echte Chance. Früher oder später werde er sterben.
Die Neurologen erklärten uns auch sehr deutlich: Selbst wenn man Oliver aufwachen lassen würde, wäre das aus ihrer Sicht eine Katastrophe — für ihn, für uns als Eltern und auch für seine Brüder. Aufgrund der langen Zeit ohne Sauerstoff, des Schlaganfalls im Kleinhirn und der schweren Gesamtverletzung gingen sie davon aus, dass Oliver möglicherweise neurologisch gar nicht mehr wirklich da sei.

Diese Bilder, sagten sie, wären dann die letzten Erinnerungen, die uns von unserem Sohn bleiben würden.
Ich hielt Lauras Hand. Wir beide brachen zusammen.
Laura fragte nur eine einzige Sache: ob Oliver leide. Der Arzt sagte nein. Oliver habe beim Unfall das Bewusstsein verloren und seitdem nichts gespürt. Er habe in diesem Moment geschlafen. Seine letzten Erinnerungen seien die glücklichen Momente am Morgen im Pool gewesen — wie wir zusammen gespielt haben, bis er müde wurde, sein Milchfläschchen wollte und in sein Nickerchen eingeschlafen ist. Von diesem Schlaf, so sagte man uns, sei er nicht mehr aufgewacht.
Im weiteren Gespräch kam auch das Thema Organspende zur Sprache. Uns wurde sehr offen erklärt, dass viele Organe durch den Unfall bereits stark geschädigt seien. Sein Herz war beschädigt. Seine Lungen waren beeinträchtigt. Auch die Leber zeigte Auffälligkeiten und käme nicht infrage.
Die Ärzte sagten uns jedoch auch etwas, das sich tief in uns eingebrannt hat:
Mit den Organen, die noch gesund seien, könne Oliver möglicherweise einem anderen Kind Hoffnung schenken.
Sie erklärten uns, dass gerade bei kleinen Kindern die Wartelisten lang seien und dass Oliver — trotz all dieser Tragödie — vielleicht einem anderen Kind das Leben retten könnte.
Gleichzeitig sagte Dr. Luis sehr behutsam etwas, das uns fast das Herz zerriss: Wir sollten die zwei wunderschönen Jahre mit Oliver in Erinnerung behalten. Und wir sollten auch die Zwillinge sehen — sie seien noch da, sie brauchen uns.
Aber in diesem Moment fühlte sich nichts daran tröstlich an.
Alles war einfach nur Horror.
Niemand ist auf so ein Gespräch vorbereitet. Kein Elternteil. Kein Mensch.
Innerhalb einer Woche wird er von uns gehen — und wir sehen nie wieder seine wunderschönen Augen.
Wir saßen dort zwischen Hoffnung und völliger Fassungslosigkeit. Minuten zuvor hatten wir noch geglaubt, es gehe langsam bergauf. Jetzt sollten wir akzeptieren, dass unser Sohn sterben würde.
Als die Ärzte den Raum verließen, blieb nur Stille. Und dieses immer wiederkehrende Warum.
Warum kam sein Herz zurück.
Warum reagierte er auf unsere Stimmen.
Warum fühlte es sich so sehr an, als wäre er noch bei uns.
Später ging ich allein auf das Parkdeck. Ich lag dort auf dem Boden und sprach eine Sprachnachricht an Oliver. Ich sagte ihm, wie stolz ich bin, sein Papa zu sein. Dass wir immer einen Platz für ihn in unserem Leben behalten werden. Und dass ich nicht bereit bin, ihn gehen zu lassen.
Aber tief in mir wusste ich auch: Wenn all das stimmt, was die Ärzte sagen, dann wollten wir vor allem eines.
Dass er nicht leidet.
Als wir an diesem Tag wieder zu Oliver auf die Intensivstation gingen, war alles anders. Zum ersten Mal standen wir an seinem Bett mit der Möglichkeit im Raum, dass wir ihn vielleicht nicht mehr lebend wiedersehen würden.
Wir beteten.
Wir hielten seine Hand.
Und wir sagten unserem Sohn etwas, das kein Elternteil je sagen möchte:
Wenn deine Zeit hier vorbei ist, darfst du loslassen.
Am Abend sprachen Laura und ich lange miteinander. Leise, erschöpft und gebrochen.
Wir sprachen darüber, wo wir Oliver beerdigen würden.
Und irgendwann fanden wir eine leise, zerbrechliche Form von Frieden in dem Gedanken, dass Oliver zu keiner Zeit gelitten hat.
Was die Tage danach passierte,
davon erzählen wir im nächsten Blogbeitrag. 💛














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